Sie nannte sich nur beim Nachnamen, und dieser eine Name reichte. Colette – Schriftstellerin, Mimin, Journalistin, Parfümeurin, Bühnenfrau, Skandal – war eine der produktivsten und eigenwilligsten Stimmen der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren am 28. Januar 1873 im burgundischen St. Sauveur-en-Puisaye als Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, gestorben 1954 in Paris, hinterließ sie ein Werk von über fünfzig Büchern – Romane, Erzählungen, Essays, Memoiren –, das bis heute unter die Haut geht.
Ihr Thema war das Leben in seiner sinnlichsten Form: der Körper, das Begehren, die Kindheit, die Natur, die Tiere, die Mutter. Besonders die Mutter. In Sido hat Colette ihrer Mutter Adèle Eugénie Sidonie ein literarisches Denkmal gesetzt, das in der Weltliteratur seinesgleichen sucht – kein sentimentales Porträt, sondern die Beschwörung einer Frau, die den Garten kannte wie eine Sprache und ihre Tochter mit einem einzigen Blick durchschaute.
Im Mai, zum Muttertag, lohnt sich der Blick in Colettes Horoskop. Was die Planeten zeigen, überrascht nicht – und doch trifft es.
Colette hat ihrer Mutter ein Buch gegeben und sich dafür den Namen genommen. Die Tochter – Sidonie-Gabrielle – wurde zur Colette schlechthin, weil die Mutter, Adèle Eugénie Sidonie, zuerst da war. Sido: der Spitzname, der alles enthält. Eine Literaturgeschichte in vier Buchstaben.
Im Horoskop steht das 4. Haus im Mittelpunkt: Sonne, Mond, Merkur und Saturn versammeln sich dort, alle im Wassermann. Das 4. Haus ist das Haus der Herkunft, der Wurzeln, der Mutter – und der Wassermann ist das Zeichen, das sich befreit. Diese Spannung zieht sich durch Colettes gesamtes Werk wie ein langer, gleichmäßiger Atemzug: Verwurzelung und Aufbruch, Bindung und Freiheit, Ursprung und Überschreitung.
☉ Sonne im Wassermann — 4. Haus
Das Licht, das aus der Erde steigt
Die Sonne im 4. Haus sucht ihr Leuchten im Verborgenen – in der Kindheit, in der Herkunft, im Inneren des Hauses. Dass dieses Licht im Wassermann brennt, macht es zu einem eigentümlich kühlen Feuer: erkennend, distanziert, von einer zärtlichen Genauigkeit, die nie ins Sentimentale kippt. Colette schreibt über ihre Mutter, als beobachtete sie ein Naturphänomen – staunend, präzise, ohne eine einzige überflüssige Träne.
In Sido schildert sie, wie die Mutter nachts um drei Uhr aufsteht, um die Kakteenblüte zu sehen, die nur bis zum Morgengrauen leuchten wird. Das ist ein Wassermann-Bild in Reinform: das Vergängliche festhalten, weil man weiß, dass es vergeht – nicht aus Sentimentalität, sondern aus Erkenntnis. Die Sonne im 4. Haus verbindet diesen Erkenntnisdrang mit dem Boden von St. Sauveur: mit dem Garten, dem Geruch der Johannisbeerhecken, dem burgundischen Dialekt, den Sido sprach. Was Colette schreibt, wächst aus dieser Erde heraus. Es ist keine Metapher. Es ist Geografie.
☽ Mond im Wassermann — 4. Haus
Die Mutter als inneres Gesetz
Sonne und Mond stehen in enger Konjunktion – beide im Wassermann, beide im 4. Haus. Das Bewusste und das Unbewusste sprechen dieselbe Sprache und stehen am selben Ort. Im Sinne C.G. Jungs liegt hier der Mutterarchetyp als prägende psychische Kraft: nicht die biologische Mutter als Person allein, sondern die Mutter als Prinzip – nährend, verschlingend, schöpferisch.
Der Mond ist im 4. Haus in seinem natürlichen Haus. Er ist stark, tief verwurzelt, fast archetypisch in seiner Wirkung. Im Wassermann trägt er jedoch eine Unruhe in sich: das Bedürfnis nach emotionaler Freiheit, nach dem Recht, die eigene Empfindung selbst zu definieren. Colettes Verhältnis zur gelebten Mutterschaft war alles andere als konventionell – ihre Tochter Colette de Jouvenel, genannt Bel-Gazou, hat die Mutter eher aus der Ferne erfahren. Und doch ist das Mütterliche der Kernstoff ihres Werkes. Sido wird in ihren Büchern zu einer mythischen Gestalt, fast einer Göttin des Gartens, die weiß, wann die Früchte reif sind, und die Tochter mit einem einzigen Blick durchschaut.
Die Konjunktion von Sonne und Mond im 4. Haus erklärt vielleicht am deutlichsten, warum Colette über ihre Mutter schreiben musste – nicht konnte, musste. Sido ist nicht Thema. Sido ist Ursprung.
☿ Merkur im Steinbock — 4. Haus
Schreiben als Archäologie
Merkur im Steinbock schreibt langsam. Er gräbt. Er sucht die genaue Stelle, an der das Wort sitzt wie ein Stein, der schon immer dort lag. Bei Colette zeigt sich das in einer Prosa, die keinen Satz zu viel hat – dicht, sinnlich, präzise wie ein Schnitt. Kein Ausweichen, keine Dekoration, kein Wort, das nicht verdient wäre.
Dass dieser Merkur ebenfalls im 4. Haus sitzt, verbindet das Denken und Schreiben mit dem Thema der Herkunft. Colette ist eine Archäologin der eigenen Kindheit. Ihre Sprache gräbt aus: die Textur einer Frucht, die Schwere der Sommerluft in Burgund, den Klang von Sidos Stimme beim Rufen über den Garten.
Bekannt ist die Geschichte ihrer ersten Bücher: Willy, ihr erster Ehemann, erkannte den Wert dieser Prosa und ließ sie schreiben – eingesperrt, täglich, stundenlang. Die Claudine-Romane erschienen unter seinem Namen. Merkur im Steinbock trägt das klaglos: Er weiß, dass die Arbeit getan werden muss, auch wenn die Anerkennung noch auf sich warten lässt. Er weiß auch, dass die Arbeit eines Tages zurückgeholt werden kann.
♀ Venus in Fischen — 6. Haus
Der Körper als Weltsprache
Venus in Fischen ist exaltiert – die Liebesgöttin im Zeichen der Auflösung, der Grenzenlosigkeit, des grenzenlosen Mitgefühls. Bei Colette verbindet sich diese Venus mit dem 6. Haus: dem Haus des Körpers, der täglichen Praxis, der Handarbeit. Das Ergebnis ist eine Erotik, die nie abstrakt ist. Colette schreibt den Körper von innen – seine Wärme, seinen Hunger, seine Erschöpfung, seine Lust – nicht als Idee, sondern als gelebte Tatsache.
Venus in Fischen ohne das 6. Haus wäre vielleicht romantische Verklärung. Venus in Fischen im 6. Haus ist Körperwissen: geerdet, täglich, handwerklich. Ihre Jahre als Tänzerin und Mimin im Pariser Music Hall, ihre Auftritte auf der Bühne mit Mathilde de Morny, ihr späteres Parfümgeschäft in der Rue de Rivoli – all das trägt diese Venus: das Schöne als tägliche Verrichtung, die Kunst als Körperarbeit.
♂ Mars in Jungfrau — 2. Haus
Die Disziplin der eigenen Mittel
Mars in Jungfrau arbeitet. Er analysiert, verbessert, feilt nach. Im 2. Haus – dem Haus der eigenen Ressourcen, des Körpers, des Selbstwerts – wird diese Energie zu einer Form von Selbstbeherrschung, die gleichzeitig Selbstermächtigung ist.
Colette war keine Dichterin, die auf Eingebung wartete. Sie schrieb täglich, revidierte, kannte den Wert präziser Arbeit aus eigener Erfahrung. Mars in Jungfrau im 2. Haus ist auch: Schreiben als Einkommensquelle, als handfeste Praxis, die das Leben trägt. Als sie nach der Trennung von Willy allein stand – ohne seinen Namen, ohne seinen Verlegerapparat –, wusste dieser Mars, was zu tun war. Er setzte sich hin und schrieb weiter.
ASC Waage — MC Krebs
Die öffentliche Frau und das bleibende Erbe
Der Waage-Aszendent zeigt, wie Colette in der Welt erscheint: elegant, charmant, ästhetisch souverän. Die Frau, die Paris bezauberte, die Salons bespielte, die Bühne kannte und die gesellschaftliche Provokation kultivierte. Waage hält die Balance, zeigt das Schöne, ohne alles preiszugeben – und das ist das Bild, das Zeitgenossen von Colette überliefern: ungreifbar, strahlend, immer ein wenig mehr, als man fassen konnte.
Das MC in Krebs erzählt eine andere Geschichte: Was sie hinterlässt, was als Lebenswerk fortbesteht, ist das Mütterliche. Nicht die Skandale, nicht die Bühnenauftritte, nicht die gesellschaftliche Kühnheit – sondern Sido, der Garten, die Beschreibung einer Welt, in der alles lebt und alles Aufmerksamkeit verdient.
Das Krebs-MC ist auch ein Bild für die Sprache als Heimat. Am Ende ihres Lebens, kaum noch gehfähig, schrieb Colette in ihrer Wohnung im Palais Royal weiter. Der Schreibtisch war das Haus. Der Satz war der Raum, in dem sie wohnte.
Für den Muttertag bietet Colettes Horoskop etwas, das weit über das Sentimentale hinausgeht: die Mutter als prägende Kraft im Leben einer Schriftstellerin – nicht als Klischee, sondern als kosmisches Prinzip, eingeschrieben in Planeten und Häuser. Sido ist kein Muttertagsgedicht. Es ist ein Horoskop in Prosa.
✦ Über diesen Artikel
Geburtsdaten: Sidonie-Gabrielle Colette, 28. Januar 1873, 22:00 Uhr, St. Sauveur-en-Puisaye, Frankreich. Quelle: Astro.com, Rodden Rating AA (Gauquelin). Geburtszeit verifiziert. Häusersystem: Placidus.

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